Der folgende Text entstand als Vorbereitung auf den Weltklimagipfel der Vereinten Nationen im Dezember 2009 in Kopenhagen. Er soll in den Medien darüber aufklären, wie sich das Problem der Klimaveränderung aus spiritueller Sicht darstellt und weshalb wir dafür verantwortlich sind, schnellstens wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Die Erklärung entstand im Zusammenhang mit dem Buch A Buddhist Response to the Climate Emergency, zu dem über 20 buddhistische Lehrer aller Traditionen beitrugen. Die Zeit zum Handeln ist jetzt wurde als pan-buddhistische Erklärung von dem Zen-Meister Dr. David Tetsuun Loy und dem Theravadamönch Bikkhu Bodhi verfasst, wobei sie von Dr. John Stanley wissenschaftlich beraten wurden.
 
 
 
Die Zeit zum Handeln ist jetzt
Erklärung zum Klimawandel aus buddhistischer Sicht
(Übersetzung: Sabine Reinemuth)


Wir leben gegenwärtig in einer krisengeschüttelten Zeit. Wir sehen uns der größten Herausforderung seit Menschengedenken gegenüber: den ökologischen Folgen unseres eigenen kollektiven Karmas. Der Konsens der Wissenschaftler ist überwältigend: Menschliches Tun beeinflusst unseren Planeten in einer Weise, die zum Kollaps unseres Lebensraums führt. Besonders die Erderwärmung steigt schneller als berechnet, was das Schmelzen der nördlichen Polarkappe zeigt. Seit Hunderttausenden von Jahren wurde das Nordpolarmeer von einer Eisfläche bedeckt, die der Größe Australiens entspricht – jetzt schmilzt sie drastisch. 2007 stellte das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) die Prognose, 2100 würde die Arktik eisfrei sein. Jetzt sieht es so aus, als ob dieser Tatbestand bereits in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren eintritt. Grönlands riesige Eisdecke schwindet schneller als erwartet. Der Meeresspiegel wird in diesem Jahrhundert mindestens um einen Meter steigen – genug um viele Küstenstädte und lebenswichtige Reisanbaugebiete wie das Mekong-Delta in Vietnam zu überfluten.
Überall auf der Welt schmelzen die Gletscher rapide. Wenn sich an unserer Umweltpolitik nichts ändert, werden die Gletscher der tibetischen Hochebene innerhalb von 30 Jahren verschwunden sein – und mit ihnen die großen Flüsse, die Milliarden von Menschen in Asien mit Trinkwasser versorgen. Schon jetzt leiden Australien und Nordchina unter folgenschweren Dürreperioden und Missernten. Erklärungen wichtiger Körperschaften – wie IPCC, Vereinte Nationen, Europäische Union und International Union for Conservation of Nature – stimmen darin überein, dass sich etwas ändern muss. Andernfalls wird gegen Mitte des Jahrhunderts ein allgemeiner Mangel an Wasser, Lebensmitteln und Rohstoffen wahrscheinlich. Dieser wiederum könnte zu Hungersnöten, Kampf um Energiequellen und Massenmigrationen führen. Der wissenschaftliche Berater der britischen Regierung entwirft dieses Szenario sogar schon für 2030.
Die globale Erwärmung spielt auch in anderen Umweltkrisen eine Schlüsselrolle, zum Beispiel dem Artensterben von Pflanzen und Tieren, die diese Erde bisher mit uns geteilt haben. Ozeanologen haben herausgefunden, dass sich die Hälfte der Kohlenstoffemission aus fossilen Brennstoffen in den Meeren niederschlägt und sich als Folge daraus der Säuregehalt des Wassers um ungefähr 30 % erhöht hat. Diese Übersäuerung beeinträchtigt
nicht nur die Kalkproduktion bei Muscheln und Korallen, sondern behindert auch die Planktonbildung. Das entscheidende Glied der Nahrungskette, die den meisten Arten das Leben im Wasser ermöglicht, wird somit geschwächt.
Machen wir weiter, wie bisher, wird die Hälfte aller Arten, die die Erde bevölkern, noch in diesem Jahrhundert ausgestorben sein, darin sind sich bekannte Biologen und die Arbeitsausschüsse der Vereinten Nationen einig. Kollektiv verletzen wir die erste Tugendregel, nämlich keinem Lebewesen Schaden zuzufügen, auf ganzer Linie. Wenn so viele Arten, die unbemerkt zu unserem Wohlergehen auf dieser Erde beigetragen haben, plötzlich nicht mehr da sind, wird das Folgen haben. Welche genauen biologischen Konsequenzen sich daraus für den menschlichen Lebensraum ergeben, lässt sich nicht sicher sagen.
Zahlreiche Wissenschaftler teilen die Auffassung, das Weiterbestehen menschlicher Zivilisation als solcher sei nicht länger gewährleistet. Wir haben einen äußerst kritischen Punkt in unserer biologischen und sozialen Entwicklung erreicht, und historisch gesehen war es noch nie so wichtig, sich auf den Weisheitsschatz des Buddhismus zu besinnen und allen Lebewesen zu helfen. Die vier edlen Wahrheiten geben uns den Rahmen, innerhalb dessen wir unsere gegenwärtige Situation analysieren und nach geeigneten Lösungen suchen können. Die Gefahren und Katastrophen, die wir auf uns zukommen sehen, lassen sich letztlich auf den menschlichen Geist zurückführen – und dort sind grundlegende Änderungen fällig. Wenn, bei Vorhandensein der drei Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung, individuelles Leid aus Begehren und Unwissenheit entsteht, gilt das auch für kollektives Leid. Unsere ökologische Notlage ist die missliche Situation des Einzelnen auf der Stufe der gesamten Menschheit. Sowohl als Person als auch als Gruppe leiden wir unter der Vorstellung von einem Selbst, das sich als von anderen Menschen und der Erde als abgeschnitten erlebt. Thich Nhat Hanh hat das so formuliert: "Wir sind hier, um aus der Illusion unserer Getrenntheit zu erwachen." Wir müssen zu der Erkenntnis erwachen, dass die Erde für uns Heimat und Mutter ist, und sich die Nabelschnur in diesem Fall nicht durchtrennen lässt. Geht es der Erde schlecht, geht es auch uns schlecht, denn wir sind ein Teil von ihr.
Der ökologische und technologische Umgang, den wir zurzeit mit unserer Biosphäre pflegen, lässt sich so nicht durchhalten. Wollen wir die bevorstehenden einschneidenden Änderungen überleben, müssen wir auch unseren Lebensstil und unsere Ansprüche entsprechend ändern. Neue Gewohnheiten und neue Wertvorstellungen werden von uns gefordert. Der buddhistischen Lehre gemäß hängt das allgemeine Wohlergehen nicht lediglich von ökonomischen Voraussetzungen ab, sondern vom inneren Wohlbefinden, das gilt für den Einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaft. Diese Einsicht hilft uns bei der Entscheidung, was wir im persönlichen und sozialen Bereich ändern müssen.
Jeder muss individuelle Verhaltensweisen entwickeln, um achtsamer mit der Umwelt umzugehen und die Emission klimaschädlicher Gase Kohlenstoffemission zu senken. Wer in hoch industrialisierten Ländern lebt, muss private und gewerbliche Gebäude so verändern und isolieren, dass weniger Energie verschwendet wird. Er muss auf Energiesparlampen und Energiespargeräte umrüsten; elektrische Geräte bei Nichtgebrauch ausschalten; im Winter die Heizung kälter und im Sommer die Klimaanlage wärmer einstellen; Autos mit möglichst geringem Benzinverbrauch fahren; den Fleischverbrauch einschränken und einer gesunden und umweltfreundlichen vegetarischen Ernährung den Vorzug geben.
Diese persönlichen Bemühungen allein werden nicht ausreichen, die drohende Katastrophe abzuwenden. Wir müssen auch auf institutioneller Ebene etwas ändern, technologisch als auch ökonomisch. Der CO2-Ausstoß unseres gesamten Energiesystems muss schnellstmöglich gesenkt werden, statt fossiler Brennstoffe müssen erneuerbare Energien genutzt werden, die nicht versiegen, unschädlich und mit der Natur vereinbar sind. Ganz besonders muss der Bau weiterer Kohlekraftwerke verhindert werden, da sich Kohle in der Vergangenheit als der mit Abstand größte und gefährlichste Produzent von Kohlenstoffdioxid erwiesen hat. Geschickt genutzt lässt sich mit der aus Wind, Sonne, Gezeiten und Erdwärme gewonnenen Energie unser gesamter Bedarf decken, ohne die Biosphäre zu schädigen. Bis zu einem Viertel der weltweiten Emission von Kohlenstoff rührt von Rodungen her. Daher müssen wir die Zerstörung der Wälder wieder rückgängig machen, besonders die des lebenswichtigen Regenwaldgürtels, der Heimat der meisten unserer Arten an Tieren und Pflanzen ist.
Mittlerweile lässt sich nicht mehr leugnen, dass auch die überkommenen Strukturen unseres ökonomischen Systems nicht mehr tragen. Die Erderwärmung steht in unmittelbaren Zusammenhang mit den gigantischen Energiemengen, die unsere Industrien verschlingen, um ein unüberschaubares Konsumangebot zu gewährleisten, das viele von uns für selbstverständlich erachten. Aus buddhistischer Sicht müsste eine gesunde und allen dienliche Wirtschaft vom Prinzip der Bedarfsdeckung geleitet werden. Der Schlüssel zum Glück liegt eher in Zufriedenheit als einer ständig wachsenden Vielfalt von Waren. Der Zwang, mehr und mehr konsumieren zu müssen, ist Ausdruck ständigen Habenwollens, der Eigenschaft des Menschen, in der der Buddha die Wurzel von Unzufriedenheit und Leid erkannt hat.
Von einer profitorientierten Ökonomie, die ständig wachsen muss, um nicht zusammenzubrechen, müssen wir uns gemeinsam hinbewegen zu wirtschaftlichen Verhältnissen, die uns allen einen hinreichenden Lebensstandard bieten. Gleichzeitig müssen Bedingungen herrschen, die es uns ermöglichen, unser ganzes Potenzial (auch unser spirituelles) zu entfalten. Dies hat in Einklang mit unserem Lebensraum zu geschehen, der alle Wesen, einschließlich zukünftiger Generationen, erhält und ernährt. Sollten Politiker nicht in der Lage sein, auf die Dringlichkeit der globalen Krise entsprechend zu reagieren, könnte es erforderlich sein, sie durch gezielte Bürgeraktionen darauf aufmerksam zu machen. Das gilt auch für den Fall, dass für sie der kurzzeitige Profit der Erdöl fördernden Gesellschaften von höherer Bedeutung sein sollte als das langfristige Wohl der gesamten Menschheit.
Dr. James Hansen von der NASA und andere Klimaforscher haben vor Kurzem präzise Werte vorgelegt, die eingehalten werden müssen, damit die Erderwärmung nicht den Umkipppunkt erreicht und in die Katastrophe führt. Damit die Menschheit bestehen kann, darf der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre nicht dauerhaft 350 ppm (Teile pro Million) nicht überschreiten. Das haben sich der Dalai Lama und weitere Nobelpreisträger sowie herausragende Wissenschaftler als konkretes Ziel zueigen gemacht. Die gegenwärtige Situation ist äußerst bedenklich, denn schon jetzt sind 387 ppm erreicht, und das bei einer jährlichen Zuwachsrate von 2 ppm. Die große Herausforderung besteht also nicht nur darin, unsere Kohlenstoffemission zu drosseln, sondern auch die Atmosphäre von bereits angereichertem Kohlenstoff zu befreien, und zwar in beträchtlichem Umfang.
Als Unterzeichner dieser Erklärung auf buddhistischer Grundlage halten wir die Klimaveränderung für ein Problem, mit dessen Lösung sofort begonnen werden muss. Wir
schließen uns dem Dalai Lama an und setzen uns für den Zielwert von 350 ppm ein. Gemäß der Lehre des Buddha stehen wir sowohl als Einzelner als auch als Kollektiv in der Verantwortung, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Dazu gehören auch – aber nicht nur – die oben genannten individuellen und sozialen Verhaltensweisen.
Das uns zum Handeln zur Verfügung stehende Zeitfenster ist klein, doch wir müssen die Menschheit vor drohendem Unheil bewahren und das Weiterbestehen der beeindruckenden und vielfältigen Lebensformen auf unserem Planeten sichern. Zukünftige Generationen und andere Arten, die sich diesen Lebensraum mit uns teilen, können sich nicht äußern. Ihnen ist es nicht möglich, uns um Mitgefühl, Weisheit und Hilfestellung zu bitten. Wir müssen ihrem Stummsein Gehör schenken. Wir müssen mit zu ihrer Stimme werden und für sie handeln.